Archive for the ‘Peru’ Category

Achterbahnfahrt von Ayacucho nach Cuzco
September 24, 2022

Nun lümmle ich hier in Ahuayro, einem mittelgroßen Nest an der „Longitudinal de la Sierra Sur“ (auch Straßennamen dürfen lang und klangvoll sein), den zweiten Tag im Bett und freue mich über jedes Geräusch, das meine Gedärme nicht von sich geben. Heute hatten sie für mich entschieden erstmal nicht weiter zu wollen. Damit ist der Puffer in meinem Zeitplan schon aufgebraucht. Morgen zur Wiedereingewöhnung 1400Hm und dann muss ich durchziehen, auf Bergetappen, die wesentlich größere Höhenunterschiede überwinden: Achterbahn eben.

Hierher hatte ich mich noch über die theoretisch 3m-breite Ministraße gewundert, die mich auf 4095m hochleitete. Immerhin verbindet sie zwei der bedeutendsten Städte des Landes miteinander. „Theoretisch“, weil die befahrbare Breite der Straße auf weiten Strecken deutlich unter 3m lag und ob der Tiefe und Dichte der zu umfahrenden Schlaglöcher auch den Fahrradfahrer zum Abbremsen unter Schrittgeschwindigkeit zwang. Auf die Dauer eine mühselige Fahrerei mit wenig Aufmerksamkeit für die Umgebung.

So war der Jubel groß (nur von der Kälte und einer Kriegserklärung Montezumas getrübt), als ich auf dem Scheitelpunkt auf die Longitidinal traf, mit 1a-Asphalt, trotzdem wenig Verkehr und vielen Kurven, die mich fast 2100 Hm tiefer schwelgen ließen.

Für meine kleine Schwester Vio, die gern Rad fährt.

Ich spüre wieder Kraft in den Beinen, behalte mein Frühstück (Tortilla con Verdura, d.h. Gemüseomlette auf Reis) und habe auch wieder Lust auf die Fortbewegung per Rad. Mental ist es schon eine Herausforderung mehrere Tage in Folge ausschließlich bergauf zu fahren. Doch nach den beiden Nächten auf 2040m wäre es absurd gewesen, kaum dem Krankenlager entstiegen, mehr als 2200 Höhemmeter zum nächsten Pass auf einem Sitz in Angriff zu nehmen.

Ich nahm also Quartier in Uripa, der letzten Stadt vor dem Pass auf 3200m, schön auf der Hälfte und wurde mit Blütenpracht und einem freien Nachmittag belohnt:

Berg und Tal

Der nächste Pass führt über 4261m. Kein Grund zum Feiern hierzulande. Weder ein Schild noch eine Girlande weisen darauf hin, dass du es geschafft hast. Die Landschaft ist eher unspektakulär. Überall abgebrannte Hügel. Was das soll, ist mir schleierhaft! Den Vikunias die letzten Lebensräume im ungenutzten Weideland entziehen? Jedenfalls sieht man die grazilen Tier hier nicht. Ich erfreue mich daran bergwärts mittlere Gänge treten zu können, doch bei der Abfahrt ist Schluss mit lustig: Die dunklen Wolken öffnen ihre Schleusen und was ich eben noch als kleinen Schauer abtun wollte – und dadurch die Chance verpasste mich gegen die Wasser zu wappnen – entwickelt sich zu einem intensiven Regenguss mit Hageleinlagen. Bis ich einen Unterstellplatz ansteuern kann, bin ich durchtränkt bis auf die Unterwäsche.

Der Tag wurde nicht mehr mein Freund. Zwar trockneten die Kleider schnell auf 2800m auf die ich abfuhr, doch ich ließ mich mal wieder verleiten der Gravelroute-Empfehlung von Komoot nachzufahren. Die führte durch die Ränder des dichtbesiedelten Tals von Andahuaylas durch ärmliche, staubige und vermüllte Gegenden und sammelte außerdem noch Zusatzhöhenmeter ein. Ich entschied mich darum, mir selbst eine Alternativroute neben der vielbefahrenen Straße zu suchen, zumal der Komoottrek dieser Tagesetappe mal wieder im besiedelten nirgendwo endete, wo garantiert keine Hospedaje zu finden ist, aber eben auch an Zelten nicht zu denken ist.

Um der eintönigen Landschaft zu entgehen, plante ich einen kleinen Umweg über die Laguna Pacucha. Eine weise Entscheidung, die mir die vielleicht schönste Etappe der gesamten Tour am nächsten Tag verschaffen sollte:

Schotterabfahrten müssen nicht ruppig sein.

Von meinem Zeltplatz bei Sotapata, an dem mir morgentlicher Nebel ein patschnasses Zelt bescheerte, fuhr ich fast 2000 Höhenmeter ab, überquerte den Rio Pachapacha und quälte mich durch die hässliche Stadt Abancay 1000 Höhenmeter höher, bis die Straße sich durch steile Eukalyptuswälder hochwindend, endlich wieder Radlgenuss aufkommen ließ.

Nach einer Nacht auf 3750m neben einer Art Alm, deren Hunde mit dem Besitzer offenbar nicht eins waren, dass ich da übernachten darf, überfuhr ich ein letztes Mal die 4000m Marke, um mich in das atemberaubende Tal des Rio Apurimac hinunter zu stürzen. Die Kulisse schneegekrönter Berge, die Tiefblicke auf den Fluss und die überbordenden Obststände am Straßenrand machten die Abfahrt zu einem Fest.

Die Anden sind bei all ihrer Höhe keine Wasserscheide. Beim Anblick des tief eingeschnittenen Rio Apurimac, gerät diese Schulwrisheit zur Faszination. Auf 1900 Meter Meereshöhe habe ich ihn überquert. Seine Wasser ergießen sich in den Amazonas und gelangen so schließlich in den Atlantik, wenn sie nicht vorher auf irgendwelchen Feldern versickern. In Gluthitze pedaliere ich entlang seinem jenseitigen Ufer bis die Straße in eine Seitental steiler werdend nach Limatambo hinauf führt.

Nur noch eine Tagesetappe trennt mich von Cuzco. Ich winde mich noch einmal 1100 Höhenmeter höher, bis ich ohne große Höhenunterschiede zu überwinden, durch eine riesige Pfanne, an derem Rand die Kleinstadt Ata liegt, die letzten 50km an mein Ziel durchdrücke.

Cuzco

Ayacucho und das Gold der Inkas
September 21, 2022

Ich glaube ich habe noch nie eine Kirche mit einer solchen Wucht an Gold gesehen. Trotzdem gefällt mir diese Kathedrale.

In den beiden Seitenschiffen gibt es zu den jeweiligen Seitenaltären nocheinmal fünf Nebenaltäre, die hoch bis an die Decke nur aus Gold bestehen. Eindeutig: Hier wurde das Gold der Inkas verbaut.

Abenteuer Huazcaran
September 11, 2022

Nachdem wir „unseren“ Berg von (fast) allen Seiten beäugt hatten, ließen wir uns nach einem Organisationstag in Huaraz zum Ausgangspunkt Musho auf 3000m fahren. 5 Tage haben wir für die Besteigung des höchsten Bergs Perus veranschlagt. Entsprechend schwer sind unsere Rucksäcke. Zwei Esel helfen uns auf den ersten 1200 Höhenmetern zum Basislager, nichtmal einem Drittel der zu überwindenden 3770 Höhenmeter auf den Gipfel Huazcaran Sur.

Zum CAMPAMENTO Base und weiter zum Refugio Huazcaran

Zum ersten Höhenlager: Campamento Uno

Nach der Übererfüllung unsres Tagesziels gestern und einer guten Nacht im Hüttla auf Monte-Rosa-Höhe, brechen wir erst um 9 Uhr auf. Heute sind nur 700 Hm zu überwinden, bevor wir unser Zelt auf dem Gletscher aufstellen. Zunächst beflügelt uns noch die Aussicht auf mit jedem Lager schwindende Rucksacklast, doch merken wir von den zwei Essenrationen weniger (je einem verspeisten und einem für den Rückweg deponierten Abendessen und Frühstück) dann doch nichts.

Wieder geht es über Gletscherschliff nach oben, bis wir den Gletscherrand erreichen. Mit Steigeisen erreichen wir bald den Firn, der aber von Büßerschnee beherrscht wird, über den zu gehen mühsam ist. Auf 5323m stellen wir am Rand einer Spalte unser Zelt auf.

Aufs Eis: Der Rucksack ist nicht photogeshopt

Doch, oh weh! Eine Öse, in die das Gestänge gesteckt wird, ist offenbar beim letzten Abbau kaputt gegangen. Wir müssen improvisieren um das Zelt stabil zu bekommen. Wir merken die Höhe gewaltig. Jede Bewegung fühlt sich widerständig an. Am Nachmittag erkunden wir noch den Weg in die Garganta, den Eisfall zum Sattel zwischen Nord- und Südgipfel auf 6000m, den es morgen zum Teil in Dunkelheit zu überwinden gilt.


Durch die Garganta ins zweite Höhenlager

Die Nacht war – obwohl nicht zu kalt und um 3 Uhr zu Ende – hart, denn wir haben beide nur geruht, aber keinen Schlaf gefunden. Das Abbauen und Verstauen des Zeltes kostet Kraft. Stefan hat das Seil schon vorbereitet. Obwohl wir nun einen Teil unsrer Ausrüstung am Gurt tragen, fühlen sich die Rucksäcke kaum leichter an.

Schon auf den ersten Metern merke ich, „dassi kan Fuel hab“. Kein Schritt macht sich von allein. Stefan geht voran entlang unserer Spur von gestern. Deren Fortsetzung auf teilweise schwer auszumachenden älteren Fußstapfen überschreitet hohlen Schnee, aberwitzige Gletscherbrücken und filigrane Eisformationen. Deren Begehung gestaltete sich so spannend, dass nicht einmal mehr Stefan auf den Auslöser drückte.

Er fragt mich nach einer Weile, ob ich umkehren will, doch ich winke ab: „Ich quäl mich schon durch.“

Als die wildesten Spaltenzonen schon hinter uns liegen, ist eine erste Steilpassage zu überwinden.

Bei anbrechendendem Tageslicht, fordert mir eine nahezu senkrechte Stufe das Letzte ab. Stefans deutlich größere Routine in solchem Gelände zahlen sich hier aus. Er setzt eine Eisschraube und wir sichern dieses Stück.

Der Eisbalkon, auf dem wir die Westwand des Südgipfels queren müssen, um in den Sattel zwischen den Gipfeln zugelangen, wird von bedrohlichen Seraczonen überragt. Alte Lawinenabgänge überschreitend und Eisblöcke umwandernd, mühen wir uns diesen objektiv gefährlichen Teil des Aufstiegs schnell hinter uns zu bringen. Doch ich muss immer wieder stehen bleiben, um zu Atem zu kommen. Zu unserm Glück ist es so kalt, dass die unmittelbare Eisschlaggefahr nicht so groß.

Bis zum Abra, dem Sattel, ist es nicht mehr weit. Doch als wir unmittelbar unter ihm, am unteren Lagerplatz des Campamento duo ankommen, bläst dort ein so heftiger, kalter Wind, dass wir die Flucht nach oben antreten. Wir suchen einen Platz an der Sonne und müssen eine Windabdeckung finden. Große Querspalten zwingen uns zu weiten Ausweichmanövern, bis wir nahe am Nordgipfel in einer eingewehten Spalte auf 5900m einen halbwegs ebenen Platz finden, auf dem wir das Zelt aufstellen.

Endlich ein „warmes“ Plätzchen

Im Zelt, dem Wind entronnen, dösen wir eine Weile vor uns hin. Uns ist beiden klar, dass die Lethargie, die uns befallen hat, ein weiteres Symptom der Höhenkrankheit ist. Atemaussetzer, gefolgt von panikartigen Japsern nach Luft, zeigen uns den Ernst der Lage. Im Zelt wird es unangenehm heiß. Wir können uns nicht aufraffen Schnee zu schmelzen. Im Dämmerzustand beschäftigen uns die vielen Eislöcher ins Innere der Riesenspalte, auf der wir zelten. Wir sprechen über unsre Selbstbeobachtung und die am anderen miteinander und erörtern die nicht nur objektiv gefährliche Lage. Hinunter können wir nicht mehr, die Sonne scheint schon zu direkt in die Lawinenhänge. Das Zeltlager nach unten zu verlegen würde uns wenigstens etwas ruhiger machen. Die Arbeit, so viel Überwindung sie uns hier heroben kostet, würde uns helfen gegen die Höhenkrankheit anzukämpfen. Stefan-Wasser, Christof-Zelt. So machen wir‘s!

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Werden wir uns soweit erholen, dass an ein Weitergehen zu denken ist? Auch der Weiterweg wartet im unteren Teil noch mit 65 Grad steilen Eispassagen auf, bevor man auf den Gipfelrücken kommt, auf dem noch weitere 500 Höhenmeter zu überwinden sind…

Auch in dieser Nacht schlafen wir nicht. Im Gegenteil gesellen sich bei mir nun auch noch Kopfschmerzen zu den Symptomen. Erst in den frühen Morgenstunden finden wir beide eine Mütze Schlaf. Der Abstieg ist besiegelt.

Rückzugsimpressionen – fast 3000 Höhenmeter auf einen Sitz

Atemberaubend
September 2, 2022

Während der Akklimatisationsphase soll man darauf achten nicht außer Atem zu kommen. Was aber, wenn die Gegenden, in denen man seine unangestrengten Höhenmeter absolviert – um dann wieder tiefer gelegen zu schlafen – so umwerfend sind, dass sie einem den Atem rauben? Seht selbst, was Bilder nicht zu zeigen vermögen:

So wurden wir in Huaraz empfangen.

1. Akklimatisationstag:

30. August, ein Feiertag in Peru: Wir fuhren ein wenig tiefer nach Yungay auf 2500m, um den Kopfschmerz los zu werden.

Weder die Musik noch die Feuerwerksknallerei galten wirklich uns.

2. Akklimatisationstag

3. Akklimatisationstag

Eine wunderschöne Wanderung von 4000m zum auf 4600m gelegenen See, führt uns durch ein spektakulär eingerahmtes Hochtal. Obwohl wir betont langsam am Ende der Touristenkarawane aus zwei Reisebussen losgehen, um Stefans Kopfschmerz und meine Erkältung nicht zu triggern, gehören wir zu den ersten Ankömmlingen am See. Seine türkise Farbe unter den eisigen Berggipfeln des Chacraraju 6108m lockt zum Bade, doch aus gesundheitlichen Gründen verzichten wir auf dieses Ritual.

Als sich der Strand mit Touristen füllt, gehen wir für einen besseren Blick die Moräne gegenüber aufwärts Richtung Rifugio Pisco. Stefan findet auf seiner Garminuhr heraus, dass der Weg zurück zum Bus führt. So beginnt eine wunderbare Rundtour mit Blicken auf die Huascarangipfel Sur 6768m, Nort 6654m und den pyramidenförmigen Chopicalqui 6352m sowie dem Nevado Huandoy 6395m.

Ausflug zur Laguna 69

Am Bus angekommen mussten wir eine Stunde warten, bis eine Israelin, die auf dem Weg höhenkrank geworden war, an Bord gebracht werden konnte. Der Guide sagte, er habe ihr Sauerstoff gegeben, aber ihr Zustand habe sich kaum gebessert.

Derweil ging es auch Stefan immer schlechter und die Heimfahrt mit hämmerndem Druck auf den Kopf wurde ihm auf ruckelnder Schotterpiste zur Tortur. Kaum dass er in Yungay auf 2500m wieder halbwegs geradeaus schauen konnte, nahmen seine Kopfschmerzen auf der Fahrt durchs Santatal nach Huaraz auf 3050m wieder zu.

Wir müssen unsern Akklimatisationsplan ändern.

4. Akklimatisationstag

Nach dem Vortag, machte es keinen Sinn an einen Fünftausender zu fahren und auf 4600m zu übernachten. Wir legen einen Ruhetag ein mit ein paar schönen Sportklettereien an den „Los Olivos“ am Rande der Stadt.

Die gute Laune ist zurück
Huaraz von Los Olivos aus gesehen.

Wir beschließen nach Hatun Machay zu fahren, einem Klettergebiet in der Cordillera Negra, auf ca. 4290m. Dort würden wir auf dieser Höhe übernachtend den nächsten Akklimatisationsreiz setzen.

5. und 6. Akklimatisationstag

Sportklettern auf höchstem Niveau in einem phantastischen Felsenlabyrinth, Lavagestein mit an Sandstein erinnerndem Formenschatz, Höhlenzeichnungen aus grauer Vorzeit, Weidegebiet der Gemeinde Pampas Chico, all das ist Hatun Machay. Man schläft an einem Rifugio, das gegen die Rinder, Esel, Pferde und Schafe, die hier täglich durch ziehen mit einer Steinmauer eingefriedet ist.

Ausflug ins Gebirge
August 27, 2022

Die Berge reichen ganz an Lima ran. Dort leben nicht etwa, wie bei uns, diejenigen, die es sich leisten können über dem Smog zu bauen, sondern eher der untere Rand der Stadtbevölkerung. Wie Schwalbennester sind die Hütten an die steilen Hänge geklebt. Der Untergrund ist von zweifelhafter Festigkeit, aber ohne Regen wäscht es halt auch nichts herunter. In manchen dieser Viertel sind die Hütten bunt getüncht und erzeugen so ein eher fröhliches Bild.

Um dem Nebeleinheitsgrau zu entfliehen, bin ich nach Canta, einem Städtchen auf 2800m, gefahren. Die Fahrt dorthin war aufregender als der Aufenthalt dort. Am Terminal Norte glaubte ich schon meine Pläne seien gescheitert, als ich erfuhr, dass die Busgesellschaft, die Canta anfuhr, die Linie nicht mehr betreibt. Kaum war ich aus dem riesigen Gebäude nach draußen gekommen, wussten schon die ganzen Taxifahrer wohin ich wollte und witterten ein Geschäft. Ich bestieg jedoch noch einmal die Metro um an deren Endbahnhof zu fahren und von dort zu einem Punkt zu gelangen, den die Einheimischen Pollo (Huhn) nennen, aber auf den Bussen mit Kilometro ventidos (km22) angegeben ist. Das Problem für den Fremden ist, dass es für fast alles verschiedene Bezeichnungen gibt. Schon den großen Fernbushub zu finden, der „Plaza Nort“ heißt, gelang mir nicht auf Anhieb, weil die Metrostation „Tomas Valle“ heißt. Dass ich zum km22 wollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich dachte ich will nach Comas, nicht wissend, das Comas ein ganzer Stadtteil ist und deshalb kein Busbahnhof oder ähnliches. Ich fuhr mit einem Bus in die richtige Richtung, bis mir mein Gefühl sagte, ich solle mal lieber aufpassen nicht über das Ziel hinaus zu fahren. Also radebrechte ich einen Passagier an (in diesem Bus waren verdächtig wenig Menschen) und der bestätigte mir nach Rücksprache mit dem anderen Passagier, dass ich im falschen Bus sei. Er stieg mit dem Rest der Passagierinnen aus und der Gewährsmann bedeutete mir, das mache nichts, wenn ich nur bis zur nächsten Kreuzung laufen würde und da den Bus mit Aufschrift Kilometro ventidos nehmen würde. Kurioserweise hatten die Aufschrift mehrere Busse, ich durfte aber nur eine ganz bestimmte Farbe von Bus nehmen. Als der mich dann absetzte, als ich damit herausrückte, dass ich nach Canta wolle, riefen die Männer in der Umgebung alle „Canta, Canta, Canta“, setzten mich in einen Toyota Yaris und füllten ihn mit einem Pärchen aus Lima auf und einer schweigsamen Frau, die wenig später noch dazu stieß. Erst auf der Rückfahrt hab ich kapiert, dass jeder Neuankömmling laufstark mit der Destination des nächst zu befüllenden Collectivos begrüßt wird. Das geschieht immer so – unterstrichen von „Arriva, Arrival, arriva“-Rufen, was man wohl mit Dalli-dalli übersetzen müsste – dass man den Eindruck bekommen könnte, man müsse sich schicken. In Wirklichkeit werden die Sammeltaxis immer erst voll gemacht, bevor sie ablegen.

So chaotisch, wie die ganze Erzählung, selbst in dieser gestraffter Form, klingt, so chaotisch empfand ich diese Reise. Nun sollte der entspannte Streckenabschnitt kommen. Noch befanden wir uns unter dem Nebel, noch war Canta 60km entfernt.

Das Nationalessen in Peru, vielleicht auch darüber hinaus, ist Pollo con Aros (Huhn mit Reis). Natürlich kann man das in verschiedenen Varianten haben, aber ein Huhn muss immer dran glauben. Jetzt hätte man hoffen wollen, dass die aus zertifiziert ökologischem Anbau kommen, aber weit gefehlt. Sie kommen aus Hühnchenfabriken, wie bei uns auch. Nur eines unterscheidet die Produktion von der europäischen, die Produzenten leben genauso eingepfercht wie ihre Produkte. Die Behausungen der Arbeiter auf den Hühnerfarmen schauen sogar eher heruntergekommener aus als die der Hühner. Zum Ausgleich dürfen die Arbeiter zum Arbeiten raus, die Hühner nicht. Also vom Gerechtigkeitsstandpunkt aus gesehen, geht es den Hühnern in Peru besser als in Deutschland.?

Canta präsentiert sich entlang der Durchfahrtsstraße als Touristenziel.

In Canta angekommen, habe ich erstmal Mittag gegessen und den Fahrer vom Gedanken abgebracht mich jetzt gleich noch wo anders hin fahren zu wollen. Dann verfolgte ich die nicht so gute Idee zu Ausgangspunkt für die Wanderung zu laufen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Der Reiseführer gab für 17km und 800m Höhendifferenz 3-4 Stunden an. Dazu hätte ich joggen müssen. Dazu kam, dass ich nicht immer den günstigsten Weg gefunden habe. Der Umstand, dass die ersten 10km auf Asphalt waren, sprach eigentlich dagegen von Canta aus zu starten. Erst dort wurde die Wanderung wirklich interessant: Zwischen Kakteen und sonstigen Dornensträuchern, die teilweise wunderschön blühten, ging ich durch eine fast völlig stille Natur.

Nach einigen hundert Metern Höhengewinn querte ich einen tiefen Bewässerungskanal, der die ganzen Hänge ringsherum mit Wasser versorgt. Auf einer Piste, die weiter oben den Hang quert begegnete ich Indigenen zu Pferd.

Mit wenig Gefälle den Hang querend.

Schließlich erreichte ich auf 3660m die Ruinen von Cantamarca, wo jährlich ein Fest abgehalten wird, das in den Überresten dieser Inkasiedlung Spuren hinterlassen hat.

Limas drei Gesichter
August 25, 2022

Wie unterschiedlich Lima sich präsentiert: Zuerst hatte ich mir ganz ungläubig die Augen gewischt, als ich auf den ersten Radweg gestoßen bin. Das „Sich-durch-Autoschlangen-quälen“ in Flughafen-Nähe hatte eher in mein Klischee gepasst. Verdreckte Straßen und Menschen, die dieser feindlichen Welt ein Leben abringen, ihre Habseligkeiten auf einem Handkarren, irgendwelchen Geschäften nachgehen, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass sie über Wasser halten. Die Hässlichkeiten – von Bausünden kann man hier nicht mehr sprechen – wichen erst wenige Meter vor meinem Quartier stattlichen Plätzen, deren einheitliche Erscheinungsbilder ihresgleichen suchen.

Demonstrationen an der Plaza San Martin

Anderntags war ich zu früh dran, um mein Radl direkt zur evangelischen Kirche zu bringen, wo es auf mich warten soll, bis es richtig los geht. Auf dem Weg dorthin waren die Fahrradwege – auf den begrünten Mittelstreifen angelegt – gegenüber dem Autoverkehr die klar schnellere Fortbewegungsalternative. Warum sich die Leute in die Staus stellen, erschließt sich mir nicht. Vielleicht braucht man, um mit dem Rad schneller zu sein, Komoot, das einen um den großen Wahnsinn herumleitet. Radwege gibt es nicht überall, aber sie sind mit Herz gemacht.

Hier mal ohne stehenden Verkehr am Rande
Schönheitspreis für diesen Radweg in Miraflores.
Der Name des Stadtteils mag auf die Begrünung Bezug nehmen.
Eigentlich ein Wahnsinn in einer Wüstenstadt (seit mindestens 70 Jahren ist das Nebelnässen der einzige Niederschlag hier.)
Am Hochufer schlängeln sich kilometerweit Rad- und Fußwege durch Sport- und Parkanlagen. Unten ist der Radweg zu erkennen, den ich zurückgeradelt bin.

Hier lebt ein anderes, im westlichen Sinn sehr modernes Stadtvolk. Alles ist gepflegt in den Parallelstraßen verhindern „schlafende Polizisten“ den Durchgangsverkehr und freilich sind die Villen bewacht, von Mauern umgeben und mit Videokameras ausgestattet.

Sportstätten wohin man schaut, raffiniert angelegt.
Dieser Leuchtturm -1900 erbaut – leuchtete 45km weit.

Auf der Rückfahrt von der Bleibe meines Radls in Surco, mit einem verwegen aussehenden Bus, bot sich mir ein krass gegensätzliches Bild. Wir fuhren durch Elendsviertel, die nur von Dreck zusammengehalten werden.

Eines der wenigen Bilder mit Farben aus dieser Gegend

Über den Atlantik
August 22, 2022

Erst auf dem Langstreckenflug von Madrid nach Lima wurde mir so richtig klar, wie weit ich mich von zuhause entferne. Da war es schon Mitternacht beim Abheben und wir flogen 12 Stunden nach Westen. Als die Durchsage kam, dass wir den südamerikanischen Kontinent erreicht haben, ging’s noch eine gefühlte Ewigkeit weiter über schwarzen Grund: Beim Nachtflug verliert der Fensterplatz im Dreamliner (Jumbo mit 530 Plätzen) an Wert.

Juhuu, alles da!
Kathedrale von Lima. Nur mit Eintritt.
Regierungsviertel: Schön und gut bewacht
Ebiern-Paradies

Teemixe, die alle probiert werden wollen. Keine Zeit mit schlechtem Kaffee vergeuden!

In Deutschland hat’s mich gefreut, wie selbstverständlich viele Reisende mir ihre Hand geboten haben mit dem sperrigen Fahrradkarton.
Kaum hatte ich ihn los, kam eine unbandige Freude auf.
In Lima angekommen hab ich das Radl noch am Förderband zusammengebaut. Die Uniformierten haben mir direkt zugejubelt: „Suerte!“ (=Viel Glück) kann’s was Schöneres geben?

Es scheint üblich zu sein, an einer roten Ampel nur zu halten, wenn es auch Querverkehr gibt. Löcher im Asphalt können auch durch fehlende Gullideckel kommen, da schaust du lieber nicht in der Gegend rum. Wenn du dich groß machst wie ein Bär, respektieren dich die Autofahrer. Sie sind eh nicht schneller als du, vielleicht etwas genervter. Verständlich: Die quälen sich vermutlich alle Tage mit 20 km/h, vielen Spurwechseln und ohrenbetäubendem Hupkonzert durch die Straßen. Da geht’s schon anders zu als in Schnaittach oder sogar Nürnberg, irgendwie indianischer!

Interessante Innenleben, alle süß

Die Reise rückt näher
Juli 17, 2022

Die Vorbereitungen laufen seit Wochen, aber erst jetzt befasse ich mich mit der Idee, Freunde, Familie, Kollegen, vielleicht auch Schüler und Bekannte an meinem Abenteuer teilhaben zu lassen.

Wiegen und abwägen: Was brauche ich wirklich