Archive for the ‘Das Radeln ansich’ Category

Double U
Februar 19, 2008

Du, W hat den Alleinradler Chr, du, in Melaka/Malaysia getroffen. Es entstand folgendes Interview, das wir im Einvernehmen mit beiden Dus hier veroeffentlichen. 

W: Nach 12 000 geradelten Kilometern und ueber 500 Stunden Alleinradeln ists Zeit fuer eine kleine Bilanz: Wie fuehlst du dich?

Chr: Jaaa, gute Beine. Kann nicht klagen.

W: Das hoert sich jetzt wenig euphorisch an.

Chr: Stimmt auch so, die euphorischen Momente auf den letzten 3000 (tropischen) Kilometern waren wenige: Die Landschaft um Krabi peitschte mich so richtig oder der Blick hinein nach Perlis hinter der thailaendisch-malayischen Grenze, der Anblick der Tioman Insel vom Boot aus (doch mit seekrankem Bauch) und das wars auch schon.

W: Was hat dir am meisten gefallen auf deiner Reise?

Chr: Uff, die Frage ist zu gross. Die Reise ist ja nicht aus einem Guss.
Der erste Teil durch die Mongolei mit Freunden war ganz anders, als der allein in der tibetischen Hemissphaere, obwohl ich oft Vergleiche angestellt habe, weil die Siedlungsweisen sich so aehneln. Dann kam ab Lijang so eine Ueberleitung zum chinesischen Sueden, die anfangs super einsam war, dann aber im Umweltfiasko endete, das hat schon auch ernuechtert, wie auch die ersten Kilometer der Weiterfahrt suedlich von Kunming. Das waren die Passagen, die ich am ehesten herausschneiden wuerde. Landschaftlich waren auch die Reis- und Teefelder ein Hit, doch Cass und Cara wieder zu treffen war ein kaum zu beschreibender Hoehepunkt, so wie auch die Radelei mit ihnen.
Als ich dann in Laos allein war, musste ich erst verkraften wieder allein zu sein. Das ging mir im Sueden Thailands auch so, als Christian wieder heimgeflogen ist. Und tatsaechlich waren die Wochen mit ihm reicher als die davor und danach. Alles warum man die Tropen mal erleben sollte hat er mitgekriegt.

W: Die Tropen kommen so als Metapher fuer Langeweile rueber?

Chr: Ich war lange fasziniert von der Vegetation und das trug mich auch meistenteils. Hier in Malaysia ist der Artenreichtum in den Regenwaeldern ja eigentlich am groessten, aber gerade hier schlug dann schon oft der Stumpfsinn beim Durchradeln endloser Plantagen zu. Die Palmoelplantagen hatten mich in Thailand ja sogar noch fasziniert, die riesigen Faecherblaetter, die das Sonnenlicht in Streifen schneiden, doch auch das hat sich irgendwann abgenutzt. Sagen wir so: Fuehre man in unseren Breiten 2000 km in den Sueden, waeren die Landschaftswechsel viel dramatischer als hierzulande. Das haengt sicher mit dem Sinus zusammen, der ist halt fuer Argumente nahe 90 Grad nicht mehr steil ist.

W: Wuerdest du die Reise wieder so planen?

Chr: Im Wesentlichen ja. China war einfach Klasse und deshalb wuerde ich wohl auf Kosten des aeussersten Sueden noch mehr dort radeln.

W: Bist du fitter geworden?

Chr: Das laesst sich schwer beantworten, denn in China war ja ein ganz anderes Relief zu bewaeltigen und zudem hatte ich mehr Gepaeck. Wenn ich meine Schnitte anschaue, wuerde ich sagen nein. Auf der anderen Seite sind meine Etappen immer laenger geworden und ich hab den Schnitt so zwischen 24 und 25 km/h auch halten koennen, wenn ich zwischendrin mal gebummelt habe. In den letzten drei Tagen bin ich ueber 500km gefahren, ich weiss nicht, ob mich dass nicht total erledigt haette frueher, jetzt erschoepft es mich gar nicht mehr. Also doch, wohl ja.

W: Du, ich danke dir fuer das Gespraech.

Chr: Du, das war mir ein Vergnuegen.

Wozu ein Tacho gut ist
Februar 2, 2008

Er zeigt die Geschwindigkeit an? >Wupp< weit gefehlt. Das ist die einzige Anzeige, der ich kaum Beachtung schenke.

Der Tacho ist der einzige Freund des Radlers, denn er zeigt ganz positiv an, was er alles schon geschafft hat. Das baut ihn auf, wenn die Strecke eintoenig ist, wenn der Pedaleur muede ist oder Gegenwind sein Fortkommen hemmt.
Darueber hinaus ist er eine unermuedliche Quelle fuer Zahlenspiele, die die Zeit versuessen koennen. So ueberkommt mich kindliche Freude, wenn ich zufaellig gerade auf den Tacho schaue, wenn die Kilometeranzeige auf 66,66 km springt. Noch mehr ergoetzt es mein kindliches Gemuet, wenn Kilometeranzeige und Hoehenangabe uebereinstimmen.
Ein Fahrradcomputer aendert dein Zahlenverstaendnis, denn du kannst ihn nach 40  39 anzeigen lassen. Ausserdem gibt er dir ein vertieftes Verstaendnis fuer Stufenzahlen (10, 20 …). Diese aendern ihre Bedeutung mit dem Relief der Landschaft. Im Gebirge waren 20 km „noch“ im Flachen „nur noch“. Am liebsten hab ich die Neunzgernummern. „Den Hunni zu fahren“ nenne ich dann die Taetigkeit auf den naechsten 10 Kilometern. 
Je oefter „magische“ Zahlenkonstellationen auftreten, desto weniger tragen sie zum Glueck bei. So lernte ich auf ganz neue Art verstehen, warum die Gluecksspielautomaten mit ihren Scheiben, auf denen Glocken, Zitronen und Zahlen abgebildet sind immer dreifache Uebereinstimmung fordern. Auf meiner gesamten Reise kam so ein Volltreffer nur einmal in Mittelthailand vor, als ich nach 31,31 km auf 31m Meereshoehe bei 31 Grad Celsius gerade mit 31 Stundenkilometern fuhr.