Ein perfekter Tag

Heute habe ich alles richtig gemacht. Habe meine Morgenroutine umgestellt: Das Kaffeewasser schon am Vorabend in die Thermosflasche abgefüllt und die Ordnung in meinen Radtaschen geändert, um morgens schneller zu sein. Mit dem ersten Lichtsaum am Horizont verließ ich den Zeltplatz, genoß die letzten 500m Asphalt bevor ich auf eine Schotterpiste einbog, zu der der Wasserlieferant, den ich am Vortrag befragt hatte, nur das Gesicht verzogen hatte: Er würde in seiner Camionetta sooo durchgeschüttelt!

Ich wusste also, worauf ich mich einließ: 85 km Schotterpiste, die wahrscheinlich nicht schön zu befahren sein würde. Doch gleich zu Beginn derselben kam ich aus anderen Gründen kaum voran: Der beinah volle Mond stand über der Cordillere und das fahle Morgenlicht, das die Berge von der anderen Seite bestrahlte, half die Landschaft mit einem kaum zu beschreibenden Schimmer zu überziehen. Ich fotographierte herum, ohne wirklich die Magie dieser Lichstimmung einfangen zu können. Derweilen wurde es hell und ich machte mich auf den Weg in Richtung der mir vom Wassermann beschriebenen Photovoltaik-Anlage, 25 km südlich von Bella Vista.

Diese Strecke war wirklich brutal. 300 Hm überwindend, erreichte ich die 100 MW- Anlage schon merklich abgekämpft. Zum Glück ging es nicht im selben Stil weiter. Die oberhalb deutlich weniger befahrene Straße machte Spaß und so erreichte ich mittags eine einsame Polizeistation kurz unterm höchsten Punkt (2658m). Einer der vier Polizisten, die hier in 30- Tage-Schichten Dienst tut, erzählte mir, dass die ursprüngliche Siedlung Tocota wegen Wassermangels abgesiedelt wurde.

Wassermangel in Tocota direkt an der Cordillere

Warum dann die Gendarmerie weiter die Stellung halten muss, wissen die Götter. Das ist wohl in allen südamerikanischen Ländern so: Ein aufgeblähter Polizeiapperat betreibt Nabelschau ohne Auftrag in abwegigem Gelände.

Leider hatte der Polizist bei der Beschreibung des Weiterwegs recht. Vorsicht sei geboten, weil immerwieder gefährlich. Da muss dein Blick schon gut die Fahrbahn fixieren, um die tiefen Kiesbette und Sandgruben rechzeitig zu erkennen. Durch die deutlich höhere Abfahrtsgeschwindigkeit, musste ich anhalten, um die Landschaft zu beäugen. Ein Blick in die Runde im falschen Moment endete quergestellt im tiefen Kies. Glimpflich, aber ich war gewarnt.

Nach 86 km erreichte ich mein Etappenziel, Villa Nueva. Aber trotz Asphalt und nagelneuer Kirche, war alles eingezäunter Privatgrund. Auch auf Nachfrage trieb ich keine Zeltmöglichkeit auf. „40km bis nach Calingasta. Da gibt es alles.“ Auf der Weiterfahrt sah ich wie auch hier die Wasserarmut an der Substanz nagt. Abgeholzte Pappelwälder, vertrocknete Exemplare und sogar vertrocknete Obstplantagen säumten den Weg.

So jung wie seine Bewohnerinnen, die Kirche in Villa Nueva

Das Wunder von Calingasta erlebte ich auf den letzten Kilometern. Vielleicht sollte ich katholisch werden. Die Straße verließ das grüne Tal, in dem ein heftiger werdender Gegenwind mir die Geschwindigkeit drosselte, in die Wüste hinein. Nach der ersten Steigung machte ich halt bei San Expedito, dem Schutzheiligen der Reisenden. Neben Gauchito Gil und Difunta Correa wird hier mal ein Heiliger verehrt, den auch die katholische Kirche anerkennt. Als ich wieder auf mein Radl steige, geschieht das Wunder. Er selbst fasst mich zwischen den Schulterblättern und schiebt mich die weitläufige Steigung zum Horizont hinauf. Ich habe mich natürlich nicht umgedreht. Als Protestant weiß ich, dass Er selbst es war, aber warum dann nach dem Halt bei San Expedito?

San Expedito

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