Archive for Oktober 2022

Durchs wilde Bolivien: Ein Entwurf
Oktober 30, 2022

Linde ist auf dem Heimflug. Ich bin ihr so dankbar, dass sie – ohne zu murren – so einiges Gepäck von mir mit nach Hause genommen hat: 24 Kilogramm brachte ihr Rucksack am Schluss auf die Waage! Auch unsre Mitbringsel steuerten zum Übergepäck bei. Zum Glück sind Peruaner nicht kleinlich (1kg über dem Freigepäck juckte sie nicht) und Linde ist bärenstark (sie trägt fast 3/4 ihres Körpergewichts, wenn man ihr Bordgepäck und die schwer beladene Handtasche mit einrechnet).

Sobald sie weg war kämpfte ich aktiv dagegen an, nun in ein Loch zu fallen. Gleich auf dem Rückweg vom Flughafen kaufte ein Nachtbus-Ticket nach Puno am Titicacasee: Nur möglichst bald nach Bolivien ausreisen und ein neues Reisekapitel aufschlagen! Zusätzlichen Auftrieb verlieh mir unverhofft, bei der Streckenplanung einen alten Reisegefährten wiedergefunden zu haben: Cass Gilbert, mit dem ich 2007 durch Südchina geradelt bin, beschreibt für bikepacking.com Radreiserouten abseits der ausgetretenen Pfade. Nur eine Stunde später musste ich allerdings feststellen, dass ich zu Cassens Start in Putre/Chile keinen Anschluss finde, weil es nirgends nördlich dieser Stadt einen Grenzübergang gibt, ich also zu weit in den Westen ausholen müsste, bis nach Tacna, das auf nur noch 567m Meereshöhe liegt. Ob nun die 68 US$ für die Mitgliedschaft bei bikepacking.com völlig für die Katz waren, wird sich noch weisen.

Somit vertraue ich mich nun doch wieder „komoot“ an, ohne Komoot wirklich zu vertrauen.

Ihr Algorithmus, für die Routenplanung fürs „Gravelbike“, hat nämlich einige Flöhe im Pelz:

  • Komoot vermeidet Städte: In Europa eine gute Idee, doch sogar dort muss man sich verpflegen können. In Peru ist die Siedlungsdichte so gering, dass die größeren Siedlungen angesteuert werden müssen!
  • Komoot umfährt Städte in der Peripherie. Schon in Europa lernst du so nicht überall den Speckgürtel einer Stadt kennen. Hierzulande führt die Umgehung durch sozial prekäre Viertel (Slums), in denen Hunderotten auf staubigen Straßen, die oft höllisch ausgefahren sind, dem Radler zusetzen. Das gleicht einem Spießroutenlauf!
  • Komoot kürzt ab. Klingt super, doch nimmt die App dafür jede Steilheit der Strecke in Kauf. Zumindest, wenn die Streckenplanung eine Mehrtagesroute ist, müsste Komoot das unterlassen, weil davon auszugehen ist, dass mit Gepäck gefahren wird!
  • Die erwähnte Funktion, mit der man eine Streckenplanung in mehrere Tagesetappen aufteilen kann, ist Premium-Mitgliedern vorbehalten. Trotzdem ist sie dürftig ausgestattet, denn sie zerhackstückt die Gesamtstrecke nur in mutmaßlich zeitlich gleich große Teile. Damit liegen die Übernachtungspunkte willkürlich irgendwo. Bisher hab ich sie zwei Mal übernommen, eine schlechte Quote!

Fazit: Auf meiner Weiterreise werde ich Pionierarbeit leisten müssen, denn ich habe weder Infos zu Straßenzuständen noch dazu, welche der Dörfer auf dem Weg einen Laden haben. Ich habe deshalb Vorräte eingekauft, die ich nur dann verspeise, wenn ich keine Versorgungsstationen finde. Noch schwerer als das solchermaßen entstandene Zusatzgewicht wiegt, dass ich zur Wasserversorgung nichts weiß und wohl nur am Weg erfragen kann, soweit ich auskunftsfreudigen Menschen begegne, ob und wo ich an Trinkwasser komme. Da hilft ersteinmal nur Zuversicht.

Meine grobe vorläufige Planung sieht nun so aus:

  1. Nachtbus nach Puno
  2. 2-3 Tage durch den äußerst strukturschwachen Süden Perus bis zur bolivianischen Grenze bei Ladislao Cabrera. Nur am ersten Tag fahre ich unter der 4000m-Grenze.
  3. Weiter zum höchsten Berg Boliviens, dem einzeln auf dem Altiplano stehenden Vulkan Sajama. Besteigen werde ich ihn nicht, dazu ist es wohl jahreszeitlich zu spät. Thermalbad direkt unter dem über 6500m hohen Berg.
  4. Weiterfahrt u.a durch den Salar Coipasa zum Vulkan Tunupa (5432m), am Rande des größten Salzsees der Erde Salar Uyuni. Ich will sowohl den Vulcan besteigen, als auch den Salar durchqueren. Bis zur Insel Inca Huasi mitten im Salar Uyuni rechne ich mit 4-5 Tagen von Sajama.
  5. In weiteren 6 Tagen durchquere ich den äußersten Süden Boliviens, der gerne von Jeeptouren durchfahren wird und durch eine sehr trockene, vulkanisch aktive Gegend mit vielen Nationalparks u.a. das Reserva National de Fauna Andina Eduardo Avaroa führt. Über den Grenzübergang bei Hito Cajon erreiche ich die Touristenmetropole San Pedro de Atacama.

Komoot wollte mich vorbei an Geysiren auf der chilenischen Seite führen, überquert aber dafür die – soweit ich sehen kann – grüne Grenze. Wenn sich rausstellen sollte, dass das geht, stelle ich alle Lästereien gegen Komoot ein.

Peru klassisch
Oktober 8, 2022

Nur 23 Stunden dauert die Busfahrt von Cuzco zurück nach Lima. Wo ich per Rad nicht ganz so direkt, gute zwei Wochen dafür gebraucht hatte. Wenn man noch die Zeit dazuzählt, die ich gebraucht habe um mich von dem Geschüttel im Bus zu erholen klingt das Verhältnis nicht mehr ganz so drastisch.

Was für eine Freude, als ich am nächsten Tag Gerlinde in unsrer gemeinsamen Unterkunft in die Arme schließen kann! Wir schlendern durch Limas Altstadt und geraten prompt in ein Kirchenfest, auf dem wir so richtig in die Volkstümlichkeit eintauchen und mit bloßen Händen Spanferkel mit Ebbiern essen. Danach bestaunen wir im riesigen zentralen Markt die ganze Vielfalt exotischer Köstlichkeiten.

Paracas

Schon am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Paracas, etwa 250 km südlich der Hauptstadt. Das Touristennest ist uns nicht ganz geheuer, doch sowohl der vormittägliche Ausflug zu den Islas Ballestas, wo wir Vögel Pinguine und Seelöwen beobachten konnten, als auch der informative Cruise zur Wüstenhalbinsel am Nachmittag, waren die Station wert.

Dünen von Huacachina

Westlich der Weinmetropole Ica türmt die Atacamawüste ihre höchsten Dünen auf. In der kleinen Oase Huacachina wurde eine künstliche Lagune angelegt, um die herum lauter Hotels darauf warten, Touristen bespaßen zu können. Viele, auch einheimische Ausflügler, machen diesen Ort zu einer Touristen-Hochburg.

Linde ging es schon auf der abendlichen Fahrt hierher nicht gut und über den Tag hinweg eher immer schlechter. Dazu kam, dass ihr in Paracas eine Kontaktlinse hinter das Lid gerutscht war. Als sie sie zu greifen bekam, zerbrach sie und ein Teil blieb im Auge zurück.

Gegen Montezumas Fluch hilft nur Tiefenentspannung. Ich erkundete derweilen einen Dünenhügel. Der viele Müll, die Hitze und das Dröhnen der Wüstenbuggies ringsherum machte aber keine Lust auf mehr.

Abends fuhren wir per Taxi nach Ica. Zu spät, um die langen Wartezeiten bei einem Augenarzt zu überstehen, bevor unser Nachtbus nach Arequipa auslief. Wir brachen also ab und hasteten zurück zum Busbahnhof. Der Bus hatte natürlich Verspätung.

Arequipa – Perle des Südens

HEAVY DUTY: Was wär mein Ghost ohne Russo?
Oktober 1, 2022

Nach fast 20 000 Aufstiegshöhenmetern und immerhin 16500m Höhenmetern Abfahrt, die zuweilen auf mountainbikewürdigen Wegen mit Gepäck deutlich an die Schmerzgrenze von Mensch, aber vor Allem Material gingen (der Beanspruchung von Ersterem wegen der Fotodokumentation entgingen), nimmt es nicht Wunder, dass mein Reisegefährte, Vulgärname Ghost, eine „Massage“ braucht.

Nach einigem Suchen fand ich „Russos Bike Shop“. Der Meister, zurückhaltend in seiner Art, widmete sich gleich meinem Reisebegleiter. Es war zu sehen, dass da ein Radl-Versteher ans Werk geht. Systematisch brachte er weit mehr wunde Punkte ans Tageslicht als ich auf dem Schirm gehabt hatte. Natürlich behob er sie auch jeweils. Sieh dir nur diese Liste an:

  • Bremsbeläge hinten als kurz vor dem Ende erkannt und ausgetauscht.
  • Geräusch vorn am Faiv-Gepäckträger geortet und behoben.
  • Ausgeschlagenes Gewinde für den Hinterradgepäckträger mit einer Schelle, die ich um die Ecke gekauft habe, überlistet.
  • Tretlagerspiel irreparabel, also neues Tretlager eingebaut.
  • Sattel zurechtgebogen und justiert.
  • Leichten Achter im Vorderrad wegzentriert.
  • Foxgabel aufgepumpt und an das Arbeitsgewicht angepasst. (Sie hatte nur 50 PSI und angemessen sind für meine 100kg fortzubewegendes Gewicht 150 PSI)

Das Radl fühlt sich jetzt wieder „gesund“ an. Ich spendierte ihm noch einen Kettentausch, um ein Einlaufen der Ritzel zu verhindern. Dazu war es hilfreich, dass Russo mir ausmessen konnte, dass die aktuelle Kette bei 50% seiner Lebensdauer angelangt ist.

Wie praktisch doch ein Kettenschloss ist.

Was kostete mich die „Körperpflege“ meines Kumpels?

240 Soles inclusive des neuen Tretlagers, der Bremsbeläge, einer neuen Schraube für den Hinterträger und diverser Schmiermittel. Das sind grob 60€ und da ist die Arbeit schon dabei!