Archive for August 2022

Ausflug ins Gebirge
August 27, 2022

Die Berge reichen ganz an Lima ran. Dort leben nicht etwa, wie bei uns, diejenigen, die es sich leisten können über dem Smog zu bauen, sondern eher der untere Rand der Stadtbevölkerung. Wie Schwalbennester sind die Hütten an die steilen Hänge geklebt. Der Untergrund ist von zweifelhafter Festigkeit, aber ohne Regen wäscht es halt auch nichts herunter. In manchen dieser Viertel sind die Hütten bunt getüncht und erzeugen so ein eher fröhliches Bild.

Um dem Nebeleinheitsgrau zu entfliehen, bin ich nach Canta, einem Städtchen auf 2800m, gefahren. Die Fahrt dorthin war aufregender als der Aufenthalt dort. Am Terminal Norte glaubte ich schon meine Pläne seien gescheitert, als ich erfuhr, dass die Busgesellschaft, die Canta anfuhr, die Linie nicht mehr betreibt. Kaum war ich aus dem riesigen Gebäude nach draußen gekommen, wussten schon die ganzen Taxifahrer wohin ich wollte und witterten ein Geschäft. Ich bestieg jedoch noch einmal die Metro um an deren Endbahnhof zu fahren und von dort zu einem Punkt zu gelangen, den die Einheimischen Pollo (Huhn) nennen, aber auf den Bussen mit Kilometro ventidos (km22) angegeben ist. Das Problem für den Fremden ist, dass es für fast alles verschiedene Bezeichnungen gibt. Schon den großen Fernbushub zu finden, der „Plaza Nort“ heißt, gelang mir nicht auf Anhieb, weil die Metrostation „Tomas Valle“ heißt. Dass ich zum km22 wollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich dachte ich will nach Comas, nicht wissend, das Comas ein ganzer Stadtteil ist und deshalb kein Busbahnhof oder ähnliches. Ich fuhr mit einem Bus in die richtige Richtung, bis mir mein Gefühl sagte, ich solle mal lieber aufpassen nicht über das Ziel hinaus zu fahren. Also radebrechte ich einen Passagier an (in diesem Bus waren verdächtig wenig Menschen) und der bestätigte mir nach Rücksprache mit dem anderen Passagier, dass ich im falschen Bus sei. Er stieg mit dem Rest der Passagierinnen aus und der Gewährsmann bedeutete mir, das mache nichts, wenn ich nur bis zur nächsten Kreuzung laufen würde und da den Bus mit Aufschrift Kilometro ventidos nehmen würde. Kurioserweise hatten die Aufschrift mehrere Busse, ich durfte aber nur eine ganz bestimmte Farbe von Bus nehmen. Als der mich dann absetzte, als ich damit herausrückte, dass ich nach Canta wolle, riefen die Männer in der Umgebung alle „Canta, Canta, Canta“, setzten mich in einen Toyota Yaris und füllten ihn mit einem Pärchen aus Lima auf und einer schweigsamen Frau, die wenig später noch dazu stieß. Erst auf der Rückfahrt hab ich kapiert, dass jeder Neuankömmling laufstark mit der Destination des nächst zu befüllenden Collectivos begrüßt wird. Das geschieht immer so – unterstrichen von „Arriva, Arrival, arriva“-Rufen, was man wohl mit Dalli-dalli übersetzen müsste – dass man den Eindruck bekommen könnte, man müsse sich schicken. In Wirklichkeit werden die Sammeltaxis immer erst voll gemacht, bevor sie ablegen.

So chaotisch, wie die ganze Erzählung, selbst in dieser gestraffter Form, klingt, so chaotisch empfand ich diese Reise. Nun sollte der entspannte Streckenabschnitt kommen. Noch befanden wir uns unter dem Nebel, noch war Canta 60km entfernt.

Das Nationalessen in Peru, vielleicht auch darüber hinaus, ist Pollo con Aros (Huhn mit Reis). Natürlich kann man das in verschiedenen Varianten haben, aber ein Huhn muss immer dran glauben. Jetzt hätte man hoffen wollen, dass die aus zertifiziert ökologischem Anbau kommen, aber weit gefehlt. Sie kommen aus Hühnchenfabriken, wie bei uns auch. Nur eines unterscheidet die Produktion von der europäischen, die Produzenten leben genauso eingepfercht wie ihre Produkte. Die Behausungen der Arbeiter auf den Hühnerfarmen schauen sogar eher heruntergekommener aus als die der Hühner. Zum Ausgleich dürfen die Arbeiter zum Arbeiten raus, die Hühner nicht. Also vom Gerechtigkeitsstandpunkt aus gesehen, geht es den Hühnern in Peru besser als in Deutschland.?

Canta präsentiert sich entlang der Durchfahrtsstraße als Touristenziel.

In Canta angekommen, habe ich erstmal Mittag gegessen und den Fahrer vom Gedanken abgebracht mich jetzt gleich noch wo anders hin fahren zu wollen. Dann verfolgte ich die nicht so gute Idee zu Ausgangspunkt für die Wanderung zu laufen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Der Reiseführer gab für 17km und 800m Höhendifferenz 3-4 Stunden an. Dazu hätte ich joggen müssen. Dazu kam, dass ich nicht immer den günstigsten Weg gefunden habe. Der Umstand, dass die ersten 10km auf Asphalt waren, sprach eigentlich dagegen von Canta aus zu starten. Erst dort wurde die Wanderung wirklich interessant: Zwischen Kakteen und sonstigen Dornensträuchern, die teilweise wunderschön blühten, ging ich durch eine fast völlig stille Natur.

Nach einigen hundert Metern Höhengewinn querte ich einen tiefen Bewässerungskanal, der die ganzen Hänge ringsherum mit Wasser versorgt. Auf einer Piste, die weiter oben den Hang quert begegnete ich Indigenen zu Pferd.

Mit wenig Gefälle den Hang querend.

Schließlich erreichte ich auf 3660m die Ruinen von Cantamarca, wo jährlich ein Fest abgehalten wird, das in den Überresten dieser Inkasiedlung Spuren hinterlassen hat.

Unruhige Zeiten
August 25, 2022

In Lima brodeln zwei Konflikte. Der lautere ist der der kommunalen Angestellten. Jeden Tag bringen sie in Sprechchören ihre Forderung nach Beachtung ihrer Rechte vor. Ich könnte mir vorstellen, dass es sowohl um die Bezahlung geht als auch um Personalabbau, wirklich verstehen kann die Parolen nicht.

Die Straßenproteste scheinen mir stark ritualisiert zu sein.

Der zweite Konflikt ist der vielleicht gefährlichere. In der letzten Präsidentschaftswahl hat zum ersten Mal im konservativen Peru ein Kandidat der Linken die Oberhand gewonnen. Er wird vor allem von der Landbevölkerung unterstützt. In Lima hat der 2021 nur knapp gewählte Präsident Castillo einen schweren Stand. Er lässt seit Wochen die Straßen und Plätze um den Regierungspalast von Polizeimilizen abriegeln. Gestern hat er Militär um sich versammelt und auf sich eingeschworen. Sie prägen seit dem, unbewaffnet, aber in Massen uniformiert auf den Plätzen rumhängend, das Straßenbild.

Limas drei Gesichter
August 25, 2022

Wie unterschiedlich Lima sich präsentiert: Zuerst hatte ich mir ganz ungläubig die Augen gewischt, als ich auf den ersten Radweg gestoßen bin. Das „Sich-durch-Autoschlangen-quälen“ in Flughafen-Nähe hatte eher in mein Klischee gepasst. Verdreckte Straßen und Menschen, die dieser feindlichen Welt ein Leben abringen, ihre Habseligkeiten auf einem Handkarren, irgendwelchen Geschäften nachgehen, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass sie über Wasser halten. Die Hässlichkeiten – von Bausünden kann man hier nicht mehr sprechen – wichen erst wenige Meter vor meinem Quartier stattlichen Plätzen, deren einheitliche Erscheinungsbilder ihresgleichen suchen.

Demonstrationen an der Plaza San Martin

Anderntags war ich zu früh dran, um mein Radl direkt zur evangelischen Kirche zu bringen, wo es auf mich warten soll, bis es richtig los geht. Auf dem Weg dorthin waren die Fahrradwege – auf den begrünten Mittelstreifen angelegt – gegenüber dem Autoverkehr die klar schnellere Fortbewegungsalternative. Warum sich die Leute in die Staus stellen, erschließt sich mir nicht. Vielleicht braucht man, um mit dem Rad schneller zu sein, Komoot, das einen um den großen Wahnsinn herumleitet. Radwege gibt es nicht überall, aber sie sind mit Herz gemacht.

Hier mal ohne stehenden Verkehr am Rande
Schönheitspreis für diesen Radweg in Miraflores.
Der Name des Stadtteils mag auf die Begrünung Bezug nehmen.
Eigentlich ein Wahnsinn in einer Wüstenstadt (seit mindestens 70 Jahren ist das Nebelnässen der einzige Niederschlag hier.)
Am Hochufer schlängeln sich kilometerweit Rad- und Fußwege durch Sport- und Parkanlagen. Unten ist der Radweg zu erkennen, den ich zurückgeradelt bin.

Hier lebt ein anderes, im westlichen Sinn sehr modernes Stadtvolk. Alles ist gepflegt in den Parallelstraßen verhindern „schlafende Polizisten“ den Durchgangsverkehr und freilich sind die Villen bewacht, von Mauern umgeben und mit Videokameras ausgestattet.

Sportstätten wohin man schaut, raffiniert angelegt.
Dieser Leuchtturm -1900 erbaut – leuchtete 45km weit.

Auf der Rückfahrt von der Bleibe meines Radls in Surco, mit einem verwegen aussehenden Bus, bot sich mir ein krass gegensätzliches Bild. Wir fuhren durch Elendsviertel, die nur von Dreck zusammengehalten werden.

Eines der wenigen Bilder mit Farben aus dieser Gegend

Über den Atlantik
August 22, 2022

Erst auf dem Langstreckenflug von Madrid nach Lima wurde mir so richtig klar, wie weit ich mich von zuhause entferne. Da war es schon Mitternacht beim Abheben und wir flogen 12 Stunden nach Westen. Als die Durchsage kam, dass wir den südamerikanischen Kontinent erreicht haben, ging’s noch eine gefühlte Ewigkeit weiter über schwarzen Grund: Beim Nachtflug verliert der Fensterplatz im Dreamliner (Jumbo mit 530 Plätzen) an Wert.

Juhuu, alles da!
Kathedrale von Lima. Nur mit Eintritt.
Regierungsviertel: Schön und gut bewacht
Ebiern-Paradies

Teemixe, die alle probiert werden wollen. Keine Zeit mit schlechtem Kaffee vergeuden!

In Deutschland hat’s mich gefreut, wie selbstverständlich viele Reisende mir ihre Hand geboten haben mit dem sperrigen Fahrradkarton.
Kaum hatte ich ihn los, kam eine unbandige Freude auf.
In Lima angekommen hab ich das Radl noch am Förderband zusammengebaut. Die Uniformierten haben mir direkt zugejubelt: „Suerte!“ (=Viel Glück) kann’s was Schöneres geben?

Es scheint üblich zu sein, an einer roten Ampel nur zu halten, wenn es auch Querverkehr gibt. Löcher im Asphalt können auch durch fehlende Gullideckel kommen, da schaust du lieber nicht in der Gegend rum. Wenn du dich groß machst wie ein Bär, respektieren dich die Autofahrer. Sie sind eh nicht schneller als du, vielleicht etwas genervter. Verständlich: Die quälen sich vermutlich alle Tage mit 20 km/h, vielen Spurwechseln und ohrenbetäubendem Hupkonzert durch die Straßen. Da geht’s schon anders zu als in Schnaittach oder sogar Nürnberg, irgendwie indianischer!

Interessante Innenleben, alle süß

Klettern in den Westalpen
August 8, 2022

Blick von der Ornyhütte zum alles beherrschenden Grand Combin (4314m)

Vor drei Jahren hat mir mein ältester Freund mit einem von ihm schon lange gehegten Traum den Mund nach einem Kletterabenteuer wässrig gemacht. Frank lockte mich mit Granit erster Güte, einer abgeschiedenen Selbstversorgerhütte in grandioser Umgebung auf über 3000m Meereshöhe und schmeichelte mir mit einem Lob meines Vorstiegmutes. Ich biss an und doch hat es bis heuer gedauert, dass wir seinen, unsren Traum Wirklichkeit werden ließen.