HEAVY DUTY: Was wär mein Ghost ohne Russo?

Oktober 1, 2022 - Eine Antwort

Nach fast 20 000 Aufstiegshöhenmetern und immerhin 16500m Höhenmetern Abfahrt, die zuweilen auf mountainbikewürdigen Wegen mit Gepäck deutlich an die Schmerzgrenze von Mensch, aber vor Allem Material gingen (der Beanspruchung von Ersterem wegen der Fotodokumentation entgingen), nimmt es nicht Wunder, dass mein Reisegefährte, Vulgärname Ghost, eine „Massage“ braucht.

Nach einigem Suchen fand ich „Russos Bike Shop“. Der Meister, zurückhaltend in seiner Art, widmete sich gleich meinem Reisebegleiter. Es war zu sehen, dass da ein Radl-Versteher ans Werk geht. Systematisch brachte er weit mehr wunde Punkte ans Tageslicht als ich auf dem Schirm gehabt hatte. Natürlich behob er sie auch jeweils. Sieh dir nur diese Liste an:

  • Bremsbeläge hinten als kurz vor dem Ende erkannt und ausgetauscht.
  • Geräusch vorn am Faiv-Gepäckträger geortet und behoben.
  • Ausgeschlagenes Gewinde für den Hinterradgepäckträger mit einer Schelle, die ich um die Ecke gekauft habe, überlistet.
  • Tretlagerspiel irreparabel, also neues Tretlager eingebaut.
  • Sattel zurechtgebogen und justiert.
  • Leichten Achter im Vorderrad wegzentriert.
  • Foxgabel aufgepumpt und an das Arbeitsgewicht angepasst. (Sie hatte nur 50 PSI und angemessen sind für meine 100kg fortzubewegendes Gewicht 150 PSI)

Das Radl fühlt sich jetzt wieder „gesund“ an. Ich spendierte ihm noch einen Kettentausch, um ein Einlaufen der Ritzel zu verhindern. Dazu war es hilfreich, dass Russo mir ausmessen konnte, dass die aktuelle Kette bei 50% seiner Lebensdauer angelangt ist.

Wie praktisch doch ein Kettenschloss ist.

Was kostete mich die „Körperpflege“ meines Kumpels?

240 Soles inclusive des neuen Tretlagers, der Bremsbeläge, einer neuen Schraube für den Hinterträger und diverser Schmiermittel. Das sind grob 60€ und da ist die Arbeit schon dabei!

Achterbahnfahrt von Ayacucho nach Cuzco

September 24, 2022 - Leave a Response

Nun lümmle ich hier in Ahuayro, einem mittelgroßen Nest an der „Longitudinal de la Sierra Sur“ (auch Straßennamen dürfen lang und klangvoll sein), den zweiten Tag im Bett und freue mich über jedes Geräusch, das meine Gedärme nicht von sich geben. Heute hatten sie für mich entschieden erstmal nicht weiter zu wollen. Damit ist der Puffer in meinem Zeitplan schon aufgebraucht. Morgen zur Wiedereingewöhnung 1400Hm und dann muss ich durchziehen, auf Bergetappen, die wesentlich größere Höhenunterschiede überwinden: Achterbahn eben.

Hierher hatte ich mich noch über die theoretisch 3m-breite Ministraße gewundert, die mich auf 4095m hochleitete. Immerhin verbindet sie zwei der bedeutendsten Städte des Landes miteinander. „Theoretisch“, weil die befahrbare Breite der Straße auf weiten Strecken deutlich unter 3m lag und ob der Tiefe und Dichte der zu umfahrenden Schlaglöcher auch den Fahrradfahrer zum Abbremsen unter Schrittgeschwindigkeit zwang. Auf die Dauer eine mühselige Fahrerei mit wenig Aufmerksamkeit für die Umgebung.

So war der Jubel groß (nur von der Kälte und einer Kriegserklärung Montezumas getrübt), als ich auf dem Scheitelpunkt auf die Longitidinal traf, mit 1a-Asphalt, trotzdem wenig Verkehr und vielen Kurven, die mich fast 2100 Hm tiefer schwelgen ließen.

Für meine kleine Schwester Vio, die gern Rad fährt.

Ich spüre wieder Kraft in den Beinen, behalte mein Frühstück (Tortilla con Verdura, d.h. Gemüseomlette auf Reis) und habe auch wieder Lust auf die Fortbewegung per Rad. Mental ist es schon eine Herausforderung mehrere Tage in Folge ausschließlich bergauf zu fahren. Doch nach den beiden Nächten auf 2040m wäre es absurd gewesen, kaum dem Krankenlager entstiegen, mehr als 2200 Höhemmeter zum nächsten Pass auf einem Sitz in Angriff zu nehmen.

Ich nahm also Quartier in Uripa, der letzten Stadt vor dem Pass auf 3200m, schön auf der Hälfte und wurde mit Blütenpracht und einem freien Nachmittag belohnt:

Anekdote

September 24, 2022 - Leave a Response

Auf der Passhöhe des Abra Apacheta hielt ein dicker Hilux mit ebensolchen Insassen an, um mir zu meiner Passüberquerung zu gratulieren. Die spanische Kommunikation erwies sich als etwas zäh, worauf der Beifahrer ins Englische wechselte. Ich fragte ihn, wie ich mir die 100 km nach Ayacucho vorstellen solle. Er meinte immer nur bergab. Das wagte ich kaum zu glauben, aber es war ja nur Smalltalk und die werden’s wohl wissen, wenn sie gerade erst die Strecke gefahren sind. Der Mann sprach mit dem Fahrer und relativierte: Nur geringfügig bergauf.

Nach stundenlanger Abfahrt durch eine sich ständig wandelnde Tallandschaft, gelangte ich auf etwa 3100 m angekommen an die Gegensteigung.

Ich musste doch noch einmal übernachten. Anderntags klärte sich die Bezeichnung „geringfügig“ (minor), als der Höhenmesser am Scheitelpunkt 3948m angab. Klar unter 4000m, also geringfügig!

Guerra, no!

September 22, 2022 - Leave a Response

Was für ein Zynismus: In den deutschen Medien fand ich das nicht, aber es dürfte kein Zufall sein, dass Putin die Teilmobilmachung am 21. September, dem …

Guerra, no!

Ayacucho und das Gold der Inkas

September 21, 2022 - 2 Antworten

Ich glaube ich habe noch nie eine Kirche mit einer solchen Wucht an Gold gesehen. Trotzdem gefällt mir diese Kathedrale.

In den beiden Seitenschiffen gibt es zu den jeweiligen Seitenaltären nocheinmal fünf Nebenaltäre, die hoch bis an die Decke nur aus Gold bestehen. Eindeutig: Hier wurde das Gold der Inkas verbaut.

Pisco – Ayacucho: Ehrliche Höhenmeter

September 21, 2022 - Leave a Response

Die Anden schwingen sich auf ungeheuer kurzer horizontaler Distanz zu enormen Höhen auf. Mit Stefan haben wir das auf der Busfahrt nach Huaraz erlebt. Die Fenster beschlugen, als sich der Bus auf 4100m Höhe nach Coricancha hinaufquälte.

Doch es geht noch mehr. Nicht auf kürzerer horizontaler Distanz, aber höher hinauf. Auf den 333km Strecke von Pisco nach Ayacucho geht es zunächst in einem Sitz auf 4530m hinauf, dann werden nach einigen nicht unbedeutenden Zwischenabfahrten am Abra Aparcheta sogar 4746m überwunden. Ein Kindheitstraum von mir alle Höhenmeter selbst gemacht zu haben.

Abenteuer Huazcaran

September 11, 2022 - Eine Antwort

Nachdem wir „unseren“ Berg von (fast) allen Seiten beäugt hatten, ließen wir uns nach einem Organisationstag in Huaraz zum Ausgangspunkt Musho auf 3000m fahren. 5 Tage haben wir für die Besteigung des höchsten Bergs Perus veranschlagt. Entsprechend schwer sind unsere Rucksäcke. Zwei Esel helfen uns auf den ersten 1200 Höhenmetern zum Basislager, nichtmal einem Drittel der zu überwindenden 3770 Höhenmeter auf den Gipfel Huazcaran Sur.

Zum CAMPAMENTO Base und weiter zum Refugio Huazcaran

Zum ersten Höhenlager: Campamento Uno

Nach der Übererfüllung unsres Tagesziels gestern und einer guten Nacht im Hüttla auf Monte-Rosa-Höhe, brechen wir erst um 9 Uhr auf. Heute sind nur 700 Hm zu überwinden, bevor wir unser Zelt auf dem Gletscher aufstellen. Zunächst beflügelt uns noch die Aussicht auf mit jedem Lager schwindende Rucksacklast, doch merken wir von den zwei Essenrationen weniger (je einem verspeisten und einem für den Rückweg deponierten Abendessen und Frühstück) dann doch nichts.

Wieder geht es über Gletscherschliff nach oben, bis wir den Gletscherrand erreichen. Mit Steigeisen erreichen wir bald den Firn, der aber von Büßerschnee beherrscht wird, über den zu gehen mühsam ist. Auf 5323m stellen wir am Rand einer Spalte unser Zelt auf.

Aufs Eis: Der Rucksack ist nicht photogeshopt

Doch, oh weh! Eine Öse, in die das Gestänge gesteckt wird, ist offenbar beim letzten Abbau kaputt gegangen. Wir müssen improvisieren um das Zelt stabil zu bekommen. Wir merken die Höhe gewaltig. Jede Bewegung fühlt sich widerständig an. Am Nachmittag erkunden wir noch den Weg in die Garganta, den Eisfall zum Sattel zwischen Nord- und Südgipfel auf 6000m, den es morgen zum Teil in Dunkelheit zu überwinden gilt.


Durch die Garganta ins zweite Höhenlager

Die Nacht war – obwohl nicht zu kalt und um 3 Uhr zu Ende – hart, denn wir haben beide nur geruht, aber keinen Schlaf gefunden. Das Abbauen und Verstauen des Zeltes kostet Kraft. Stefan hat das Seil schon vorbereitet. Obwohl wir nun einen Teil unsrer Ausrüstung am Gurt tragen, fühlen sich die Rucksäcke kaum leichter an.

Schon auf den ersten Metern merke ich, „dassi kan Fuel hab“. Kein Schritt macht sich von allein. Stefan geht voran entlang unserer Spur von gestern. Deren Fortsetzung auf teilweise schwer auszumachenden älteren Fußstapfen überschreitet hohlen Schnee, aberwitzige Gletscherbrücken und filigrane Eisformationen. Deren Begehung gestaltete sich so spannend, dass nicht einmal mehr Stefan auf den Auslöser drückte.

Er fragt mich nach einer Weile, ob ich umkehren will, doch ich winke ab: „Ich quäl mich schon durch.“

Als die wildesten Spaltenzonen schon hinter uns liegen, ist eine erste Steilpassage zu überwinden.

Bei anbrechendendem Tageslicht, fordert mir eine nahezu senkrechte Stufe das Letzte ab. Stefans deutlich größere Routine in solchem Gelände zahlen sich hier aus. Er setzt eine Eisschraube und wir sichern dieses Stück.

Der Eisbalkon, auf dem wir die Westwand des Südgipfels queren müssen, um in den Sattel zwischen den Gipfeln zugelangen, wird von bedrohlichen Seraczonen überragt. Alte Lawinenabgänge überschreitend und Eisblöcke umwandernd, mühen wir uns diesen objektiv gefährlichen Teil des Aufstiegs schnell hinter uns zu bringen. Doch ich muss immer wieder stehen bleiben, um zu Atem zu kommen. Zu unserm Glück ist es so kalt, dass die unmittelbare Eisschlaggefahr nicht so groß.

Bis zum Abra, dem Sattel, ist es nicht mehr weit. Doch als wir unmittelbar unter ihm, am unteren Lagerplatz des Campamento duo ankommen, bläst dort ein so heftiger, kalter Wind, dass wir die Flucht nach oben antreten. Wir suchen einen Platz an der Sonne und müssen eine Windabdeckung finden. Große Querspalten zwingen uns zu weiten Ausweichmanövern, bis wir nahe am Nordgipfel in einer eingewehten Spalte auf 5900m einen halbwegs ebenen Platz finden, auf dem wir das Zelt aufstellen.

Endlich ein „warmes“ Plätzchen

Im Zelt, dem Wind entronnen, dösen wir eine Weile vor uns hin. Uns ist beiden klar, dass die Lethargie, die uns befallen hat, ein weiteres Symptom der Höhenkrankheit ist. Atemaussetzer, gefolgt von panikartigen Japsern nach Luft, zeigen uns den Ernst der Lage. Im Zelt wird es unangenehm heiß. Wir können uns nicht aufraffen Schnee zu schmelzen. Im Dämmerzustand beschäftigen uns die vielen Eislöcher ins Innere der Riesenspalte, auf der wir zelten. Wir sprechen über unsre Selbstbeobachtung und die am anderen miteinander und erörtern die nicht nur objektiv gefährliche Lage. Hinunter können wir nicht mehr, die Sonne scheint schon zu direkt in die Lawinenhänge. Das Zeltlager nach unten zu verlegen würde uns wenigstens etwas ruhiger machen. Die Arbeit, so viel Überwindung sie uns hier heroben kostet, würde uns helfen gegen die Höhenkrankheit anzukämpfen. Stefan-Wasser, Christof-Zelt. So machen wir‘s!

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Werden wir uns soweit erholen, dass an ein Weitergehen zu denken ist? Auch der Weiterweg wartet im unteren Teil noch mit 65 Grad steilen Eispassagen auf, bevor man auf den Gipfelrücken kommt, auf dem noch weitere 500 Höhenmeter zu überwinden sind…

Auch in dieser Nacht schlafen wir nicht. Im Gegenteil gesellen sich bei mir nun auch noch Kopfschmerzen zu den Symptomen. Erst in den frühen Morgenstunden finden wir beide eine Mütze Schlaf. Der Abstieg ist besiegelt.

Rückzugsimpressionen – fast 3000 Höhenmeter auf einen Sitz

Atemberaubend

September 2, 2022 - 2 Antworten

Während der Akklimatisationsphase soll man darauf achten nicht außer Atem zu kommen. Was aber, wenn die Gegenden, in denen man seine unangestrengten Höhenmeter absolviert – um dann wieder tiefer gelegen zu schlafen – so umwerfend sind, dass sie einem den Atem rauben? Seht selbst, was Bilder nicht zu zeigen vermögen:

So wurden wir in Huaraz empfangen.

1. Akklimatisationstag:

30. August, ein Feiertag in Peru: Wir fuhren ein wenig tiefer nach Yungay auf 2500m, um den Kopfschmerz los zu werden.

Weder die Musik noch die Feuerwerksknallerei galten wirklich uns.

2. Akklimatisationstag

3. Akklimatisationstag

Eine wunderschöne Wanderung von 4000m zum auf 4600m gelegenen See, führt uns durch ein spektakulär eingerahmtes Hochtal. Obwohl wir betont langsam am Ende der Touristenkarawane aus zwei Reisebussen losgehen, um Stefans Kopfschmerz und meine Erkältung nicht zu triggern, gehören wir zu den ersten Ankömmlingen am See. Seine türkise Farbe unter den eisigen Berggipfeln des Chacraraju 6108m lockt zum Bade, doch aus gesundheitlichen Gründen verzichten wir auf dieses Ritual.

Als sich der Strand mit Touristen füllt, gehen wir für einen besseren Blick die Moräne gegenüber aufwärts Richtung Rifugio Pisco. Stefan findet auf seiner Garminuhr heraus, dass der Weg zurück zum Bus führt. So beginnt eine wunderbare Rundtour mit Blicken auf die Huascarangipfel Sur 6768m, Nort 6654m und den pyramidenförmigen Chopicalqui 6352m sowie dem Nevado Huandoy 6395m.

Ausflug zur Laguna 69

Am Bus angekommen mussten wir eine Stunde warten, bis eine Israelin, die auf dem Weg höhenkrank geworden war, an Bord gebracht werden konnte. Der Guide sagte, er habe ihr Sauerstoff gegeben, aber ihr Zustand habe sich kaum gebessert.

Derweil ging es auch Stefan immer schlechter und die Heimfahrt mit hämmerndem Druck auf den Kopf wurde ihm auf ruckelnder Schotterpiste zur Tortur. Kaum dass er in Yungay auf 2500m wieder halbwegs geradeaus schauen konnte, nahmen seine Kopfschmerzen auf der Fahrt durchs Santatal nach Huaraz auf 3050m wieder zu.

Wir müssen unsern Akklimatisationsplan ändern.

4. Akklimatisationstag

Nach dem Vortag, machte es keinen Sinn an einen Fünftausender zu fahren und auf 4600m zu übernachten. Wir legen einen Ruhetag ein mit ein paar schönen Sportklettereien an den „Los Olivos“ am Rande der Stadt.

Die gute Laune ist zurück
Huaraz von Los Olivos aus gesehen.

Wir beschließen nach Hatun Machay zu fahren, einem Klettergebiet in der Cordillera Negra, auf ca. 4290m. Dort würden wir auf dieser Höhe übernachtend den nächsten Akklimatisationsreiz setzen.

5. und 6. Akklimatisationstag

Sportklettern auf höchstem Niveau in einem phantastischen Felsenlabyrinth, Lavagestein mit an Sandstein erinnerndem Formenschatz, Höhlenzeichnungen aus grauer Vorzeit, Weidegebiet der Gemeinde Pampas Chico, all das ist Hatun Machay. Man schläft an einem Rifugio, das gegen die Rinder, Esel, Pferde und Schafe, die hier täglich durch ziehen mit einer Steinmauer eingefriedet ist.

Ausflug ins Gebirge

August 27, 2022 - 2 Antworten

Die Berge reichen ganz an Lima ran. Dort leben nicht etwa, wie bei uns, diejenigen, die es sich leisten können über dem Smog zu bauen, sondern eher der untere Rand der Stadtbevölkerung. Wie Schwalbennester sind die Hütten an die steilen Hänge geklebt. Der Untergrund ist von zweifelhafter Festigkeit, aber ohne Regen wäscht es halt auch nichts herunter. In manchen dieser Viertel sind die Hütten bunt getüncht und erzeugen so ein eher fröhliches Bild.

Um dem Nebeleinheitsgrau zu entfliehen, bin ich nach Canta, einem Städtchen auf 2800m, gefahren. Die Fahrt dorthin war aufregender als der Aufenthalt dort. Am Terminal Norte glaubte ich schon meine Pläne seien gescheitert, als ich erfuhr, dass die Busgesellschaft, die Canta anfuhr, die Linie nicht mehr betreibt. Kaum war ich aus dem riesigen Gebäude nach draußen gekommen, wussten schon die ganzen Taxifahrer wohin ich wollte und witterten ein Geschäft. Ich bestieg jedoch noch einmal die Metro um an deren Endbahnhof zu fahren und von dort zu einem Punkt zu gelangen, den die Einheimischen Pollo (Huhn) nennen, aber auf den Bussen mit Kilometro ventidos (km22) angegeben ist. Das Problem für den Fremden ist, dass es für fast alles verschiedene Bezeichnungen gibt. Schon den großen Fernbushub zu finden, der „Plaza Nort“ heißt, gelang mir nicht auf Anhieb, weil die Metrostation „Tomas Valle“ heißt. Dass ich zum km22 wollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich dachte ich will nach Comas, nicht wissend, das Comas ein ganzer Stadtteil ist und deshalb kein Busbahnhof oder ähnliches. Ich fuhr mit einem Bus in die richtige Richtung, bis mir mein Gefühl sagte, ich solle mal lieber aufpassen nicht über das Ziel hinaus zu fahren. Also radebrechte ich einen Passagier an (in diesem Bus waren verdächtig wenig Menschen) und der bestätigte mir nach Rücksprache mit dem anderen Passagier, dass ich im falschen Bus sei. Er stieg mit dem Rest der Passagierinnen aus und der Gewährsmann bedeutete mir, das mache nichts, wenn ich nur bis zur nächsten Kreuzung laufen würde und da den Bus mit Aufschrift Kilometro ventidos nehmen würde. Kurioserweise hatten die Aufschrift mehrere Busse, ich durfte aber nur eine ganz bestimmte Farbe von Bus nehmen. Als der mich dann absetzte, als ich damit herausrückte, dass ich nach Canta wolle, riefen die Männer in der Umgebung alle „Canta, Canta, Canta“, setzten mich in einen Toyota Yaris und füllten ihn mit einem Pärchen aus Lima auf und einer schweigsamen Frau, die wenig später noch dazu stieß. Erst auf der Rückfahrt hab ich kapiert, dass jeder Neuankömmling laufstark mit der Destination des nächst zu befüllenden Collectivos begrüßt wird. Das geschieht immer so – unterstrichen von „Arriva, Arrival, arriva“-Rufen, was man wohl mit Dalli-dalli übersetzen müsste – dass man den Eindruck bekommen könnte, man müsse sich schicken. In Wirklichkeit werden die Sammeltaxis immer erst voll gemacht, bevor sie ablegen.

So chaotisch, wie die ganze Erzählung, selbst in dieser gestraffter Form, klingt, so chaotisch empfand ich diese Reise. Nun sollte der entspannte Streckenabschnitt kommen. Noch befanden wir uns unter dem Nebel, noch war Canta 60km entfernt.

Das Nationalessen in Peru, vielleicht auch darüber hinaus, ist Pollo con Aros (Huhn mit Reis). Natürlich kann man das in verschiedenen Varianten haben, aber ein Huhn muss immer dran glauben. Jetzt hätte man hoffen wollen, dass die aus zertifiziert ökologischem Anbau kommen, aber weit gefehlt. Sie kommen aus Hühnchenfabriken, wie bei uns auch. Nur eines unterscheidet die Produktion von der europäischen, die Produzenten leben genauso eingepfercht wie ihre Produkte. Die Behausungen der Arbeiter auf den Hühnerfarmen schauen sogar eher heruntergekommener aus als die der Hühner. Zum Ausgleich dürfen die Arbeiter zum Arbeiten raus, die Hühner nicht. Also vom Gerechtigkeitsstandpunkt aus gesehen, geht es den Hühnern in Peru besser als in Deutschland.?

Canta präsentiert sich entlang der Durchfahrtsstraße als Touristenziel.

In Canta angekommen, habe ich erstmal Mittag gegessen und den Fahrer vom Gedanken abgebracht mich jetzt gleich noch wo anders hin fahren zu wollen. Dann verfolgte ich die nicht so gute Idee zu Ausgangspunkt für die Wanderung zu laufen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Der Reiseführer gab für 17km und 800m Höhendifferenz 3-4 Stunden an. Dazu hätte ich joggen müssen. Dazu kam, dass ich nicht immer den günstigsten Weg gefunden habe. Der Umstand, dass die ersten 10km auf Asphalt waren, sprach eigentlich dagegen von Canta aus zu starten. Erst dort wurde die Wanderung wirklich interessant: Zwischen Kakteen und sonstigen Dornensträuchern, die teilweise wunderschön blühten, ging ich durch eine fast völlig stille Natur.

Nach einigen hundert Metern Höhengewinn querte ich einen tiefen Bewässerungskanal, der die ganzen Hänge ringsherum mit Wasser versorgt. Auf einer Piste, die weiter oben den Hang quert begegnete ich Indigenen zu Pferd.

Mit wenig Gefälle den Hang querend.

Schließlich erreichte ich auf 3660m die Ruinen von Cantamarca, wo jährlich ein Fest abgehalten wird, das in den Überresten dieser Inkasiedlung Spuren hinterlassen hat.

Unruhige Zeiten

August 25, 2022 - 2 Antworten

In Lima brodeln zwei Konflikte. Der lautere ist der der kommunalen Angestellten. Jeden Tag bringen sie in Sprechchören ihre Forderung nach Beachtung ihrer Rechte vor. Ich könnte mir vorstellen, dass es sowohl um die Bezahlung geht als auch um Personalabbau, wirklich verstehen kann die Parolen nicht.

Die Straßenproteste scheinen mir stark ritualisiert zu sein.

Der zweite Konflikt ist der vielleicht gefährlichere. In der letzten Präsidentschaftswahl hat zum ersten Mal im konservativen Peru ein Kandidat der Linken die Oberhand gewonnen. Er wird vor allem von der Landbevölkerung unterstützt. In Lima hat der 2021 nur knapp gewählte Präsident Castillo einen schweren Stand. Er lässt seit Wochen die Straßen und Plätze um den Regierungspalast von Polizeimilizen abriegeln. Gestern hat er Militär um sich versammelt und auf sich eingeschworen. Sie prägen seit dem, unbewaffnet, aber in Massen uniformiert auf den Plätzen rumhängend, das Straßenbild.